Ohne überhaupt wirklich einen Blick auf sie zu werfen, ohne überhaupt wirklich hinzusehen, ohne einen Gedanken – verschwand er.

Sie waren sich nie wirklich begegnet. Nicht so, dass beide von dieser Begegnung gewusst hätten. Würde man sie fragen, ob er wisse, dass sie existiere, könnte sie nicht darauf antworten. Denn sie waren sich nie wirklich begegnet.

Sie lebte in einer kleinen verschlafenen Stadt am Meer. Ihr Leben war ohne größere Aufregung weiter vorangeschritten, als sie es wünschte. Sie hatte keinen wirklichen Platz in der Welt und versteckte sich auf ihre Art. Hinter Büchern, am Strand, in ihren Gedanken. Sie lebte ihr Leben nicht im geringsten, sie lebte daneben her, lebte lieber das Leben der anderen, derjenigen, von denen sie in all den Büchern las, die sie verkaufte. Wie kam es, dass sie nie auf die Idee kam, ihr Leben selbst auch zu leben? Wieso sprach sie niemand darauf an?

Weil es niemanden interessierte. Sie lebten alle nur ihr klägliches Leben in einer kleinen Stadt am Meer, die niemand besucht und niemand mehr kennt. Jeder der dort lebt hat eine Aufgabe und diese zu erfüllen dauert den ganzen Tag. Erfüllt man sie nicht, zerbricht das Konstrukt des Städtchens, denn irgendwie muss es sich ja am Leben erhalten.

Charakteristisch für diese Stadt war die Ignoranz ihrer Menschen, der Nichtwille zu Leben, die nicht vorhandenen Wünsche etwas zu erleben. Sie alle waren schweigsam, argwöhnisch, gelangweilt und langweilig. Es gab nichts Besonderes. Nie.

Sie verkaufte Bücher und konnte sich damit ihr geruhsames Leben finanzieren, doch niemand, der ihre Bücher kaufte und las, versuchte sich an ihnen zu orientieren. Es waren nur Geschichten, keine Wahrheit in ihnen, nichts wonach man streben sollte, wenn man in dieser Stadt wohnte. Vielleicht wussten die Bewohner nur nicht, dass es Wünsche, Träume und das Streben nach Besserem überhaupt gab.

Es regnete eigentlich fast immer. Dennoch, hätte man nach ihr gesucht, hätte man sie auch oft am Strand gefunden. Ihren Gedanken lauschend, die Ferne des Meeres betrachtend. Doch man suchte nie nach ihr.

Es wäre nicht wert von diesem Ort und seinen Personen zu erzählen, wenn nicht irgendwann doch eine Änderung eingetroffen wäre.

Er kam zu Besuch. Es kamen nie Besucher, doch er kam zu Besuch und brachte sogar noch andere Menschen mit. Wie hatten sie von diesem Ort erfahren? Man war sich sicher, diese Stadt auf keiner Landkarte zu finden, einfach weil er zu unbedeutend, zu langweilig, zu grau war. Doch hier war er. Er lief durch die Stadt wie eine Sensation. Nicht, dass die Menschen der Stadt darauf reagiert hätten. Auch wenn er anders war, wenn etwas passierte, was sonst nie passierte, niemand nahm davon Anteil.

Natürlich merkte er dies, auch seine Begleitung merkte dies. Irgendetwas stimmte mit dieser Stadt nicht. Wo ist ihr Wille zu leben?

Sie sah ihn. Sie sah ihn oft. Denn er blieb eine Weile. Er wollte das Rätsel lösen. Hatte ein Mysterium gefunden, welches er aufdecken, entdecken wollte. Doch es wurde ihm schwerer gemacht, als er sich es je hatte träumen lassen. Sie sah ihn die Straßen entlang gehen. Sie sah ihn, wie er versuchte mit jemandem zu reden und nur auf Ablehnung und Gleichgültigkeit stieß. Sie sah ihn, wie er verzweifelt in seinem kleinen schwarzen Notizbuch kritzelte und sich den Kopf darüber zerbrach, was hier vor sich ging.

Sie sah ihn, als er einen Entschluss fasste. Sie sah ihn, als er gebrochen zurück kam. Sie sah ihn, als es ihm dämmerte. Sie sah in ihm, dass er langsam aber sicher seine Lebensgeister verlor. Sie sah, wie sie ihm entzogen wurden. Sie konnte den genauen Augenblick festmachen, in dem er sich verlor. In dem er verschwand.

Ohne sie auch nur eines Blickes zu würdigen – ohne ihr jemals begegnet zu sein – verschwand er. Er war immer noch da, würde nie wieder gehen. Und doch… kam er nie wieder.