Jetzt

Ich stehe auf einem Feld. In der Ferne braut sich der nächste Sturm zusammen. Dunkelgraue Wolken ziehen sich zu einem Berg aufeinander. Kleinere Wolken drehen sich wild in den Sturm hinein. Wenn man Glück hat und zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist, dann sieht man einmal in der Woche die Sonne. Ansonsten ist es immer dunkel.

B und ich lauschen dem Wind. Wir wollen herausbekommen, wohin der Sturm zieht, wie stark er sein wird und wie lange er anhalten wird. Mittlerweile können wir das ganz gut einschätzen. B legt die Ohren an. Sie hat genug gehört. Sie fängt an in eine Richtung zu laufen und blickt sich kurz um, wie um mir zu sagen, ich solle ihr folgen. Ich laufe ihr hinterher. Sie hat die bessere Spürnase, ich vertraue ihr.

B läuft schon ewig ohne Leine, und jetzt wäre eine Leine mehr hinderlich als hilfreich. So viele Menschen sind eh nicht mehr da. Wem sollte sie also vors Auto laufen? Es gibt ja gar keine Autos mehr.

Es donnert und B fängt an schneller zu laufen. Ich tue es ihr gleich. Wenn man den Donner schon hören kann, ist der Sturm nicht mehr weit. Früher war dies anders. Aber die Stürme haben sich verändert. Wir laufen weg vom Feld in einen kleinen Wald in dessen Mitte sich eine kleine Hügelgruppe verbirgt. Die Bäume sind kahl und durchlässig, viele Stürme haben sie schon zerrupft. Aber in der Hügelgruppe gibt es eine Höhle. Unsere Höhle. Zumindest seit letzter Woche. Wir haben bemerkt, dass die Höhle die Stürme relativ gut abhält und man darin sicher ist. Ich wette, wenn noch viele Menschen da wären, wären auch andere auf die Idee gekommen. Aber nun sind B und ich die einzigen.

Lange können wir hier jedoch nicht mehr bleiben. Unsere Vorräte neigen sich dem Ende zu. Wir müssen weiter. Ich würde am liebsten hier bleiben, denn die Höhle ist sicher, aber ich bringe es nicht übers Herz B hungern zu lassen. B ist das einzige was mir noch geblieben ist.

Davor

„Happy Birthday Schatz!“ ruft meine Mutter aus dem Wohnzimmer als sie merkt, dass ich die Treppe herunter poltere. Ich bin elf – oder ich werde gerade elf, es ist ja mein Geburtstag. Mein Vater und meine beiden Geschwister sind ebenfalls im Wohnzimmer. Dorothy ist ganz aufgeregt, sie ist dreizehn, spielt immer die ältere Schwester, aber freut sich für mich, wenn mir etwas Gutes passiert. James ist erst zwei, er versteht noch nicht so ganz was passiert, erfreut sich aber an den Luftballons, die überall aufgehangen sind. Meine Eltern stehen vor einer großen Box. Ich bin neugierig, aber ein wenig enttäuscht, als ich absolut keine anderen Geschenke sehe. Bin ich schon zu alt dafür? Ich schmolle etwas, aber die Neugierde gewinnt dann doch.

„Was ist das?“ frage ich in meiner kindlichen Stimme. Diese Stimme, die so weit weg scheint, wenn man später daran zurück denkt. Klang ich wirklich mal so?
„Mach das Paket auf, Amelia.“ sagt mein Vater in einer ruhigen Dad-Stimme. Der hat es drauf. Aber wehe man stellt etwas blödes an, dann kann diese ruhige über alles herrschende Stimme schon mal ganz böse werden.
Neugierig schaue ich hinein, die große Schleife ist nur aufgeklebt und die Kiste gar nicht richtig zu. Kaum habe ich einen Blick hineingeworfen, kommt mir auch schon eine kleine rosa Zunge entgegen. Sie ist sehr feucht, was ich so genau weiß, da sie mir gerade das Gesicht ableckt.

In der Kiste saß natürlich ein kleiner Hund. Noch ein Welpe. Ich werde elf und meine Eltern schenken mir einen Hund? Womit hab ich denn das verdient? Dorothy durfte nie ein Haustier haben.

„Ein Hund! Oh wie niedlich! Ist das meiner?“ Ich kann es wirklich nicht glauben.
„Ganz allein deiner. Du warst so brav das letzte Jahr über und wir wissen, wie sehr du Hunde magst. Wie willst du sie nennen?“ fragt meine Mutter. Ich schaue zu Dorothy, denn ich versuche herauszubekommen, ob sie sauer auf mich ist. Ich habe mich wirklich angestrengt im letzten Jahr. Ich habe nie etwas doofes angestellt. Aber damit hätte ich nie gerechnet. Dorothy lächelt nur. Ich bin mir unsicher. Die kleine Hündin springt mir auf den Schoß und will mir weiterhin das Gesicht ablecken.

„Beere.“ Sage ich frei heraus. Lange habe ich nicht nachgedacht. Sie sieht aus wie eine kleine Beere. Ihr Fell ist so rot wie meine Haare, wahrscheinlich haben meine Eltern sie deswegen ausgewählt. Meine Eltern gucken verdutzt, aber lächeln dann. Dorothy kichert, aber sagt nichts.
„Gut, dann heißt sie jetzt Beere. Du bist dafür zuständig mit ihr rauszugehen und sie zu trainieren. Ist das klar?“ sagt mein Vater in seiner autoritären Dad-Stimme. Ich nicke nur. Mein eigener Hund.

Jetzt

Ich schrecke auf. B sitzt am Eingang der Höhle und späht nach draußen. Es ist nur etwas Wind zu hören, aber kein Regen. Der Sturm scheint vorbei zu sein. Ich bin wohl eingenickt.
„Alles klar?“ frage ich B. Sie schaut zu mir rüber und jault kurz. Ich verstehe. Sie hat Hunger. Ich auch.

Ich krame in meiner Tasche nach ein paar Brocken Hundefutter und werfe sie ihr hin. Ich selbst nage an einem Stück alten Brot. Wird Zeit, dass wir weiter kommen. Irgendwo muss doch noch was zu essen sein.

Ich versuche mir keine Gedanken darüber zu machen, was passiert, wenn das Essen einfach alle ist. Oder alles verdorben ist. Die Menschen, die noch da sind, werden irgendwann alles aufgegessen haben. Und wenn sie das verdorbene Essen auch noch essen, werden sie krank und sterben auch. Wie die anderen. Ich versuche mir nicht vorzustellen, dass uns das passiert. Manchmal denke ich daran, einfach irgendwo zu bleiben und einfach zu versuchen einen Garten anzulegen. Dann wird mir klar, dass kein Garten mit nur einer Sonnenstunde in der Woche wirklich gedeihen wird. Irgendwie muss man doch Nahrungen auftreiben müssen.

Wir müssen weiter. Andere Menschen suchen. In den Orten, die ich bereits durchquert habe, waren keine lebenden Menschen mehr. Sie sind alle schon ins Landesinnere weitergezogen. Oder eben tot. Viel Essen haben sie mir auch nicht übrig gelassen. Die Spuren deuten aber darauf hin, dass zumindest einige weitergezogen sind. Ich hoffe sie einzuholen. Irgendwann. So groß ist England nicht. Und seit einer Weile ist es sogar noch kleiner geworden.

Was ich noch mitbekam, als die Kommunikation noch nicht zusammen gebrochen war, war nicht viel. Die Küsten hat es zuerst getroffen. Alles überschwemmt. Das Wasser stieg auf die Flüsse hinauf. Was aus London wurde, kann ich gar nicht sagen, soweit ging es nicht. Die Stromleitungen haben nicht mehr durchgehalten und wir hatten keine Energie mehr für den Fernseher oder das Radio. Handys funktionierten auch nicht mehr. Peter sagte, die Wolken seien so dick, dass die Funkverbindung nicht mehr durchkäme. Die Satelliten wären abgeschirmt von der Erde.

Als ich an Peter denke, wird mir ein bisschen schlecht. Ich weiß nicht wieso. Aus Angst? Aus Verzweiflung? Aus Liebe? Ich vermisse ihn, keine Frage. Vielleicht ist mir auch nur schlecht, weil ich Hunger habe.

Ich packe alles zusammen – was nicht sehr viel ist – und mache mich mit B auf den Weg. Ich sage der Höhle auf Wiedersehen. Oder eher: auf nimmer Wiedersehen.

Davor

Ich stehe vor dem Spiegel in meiner ersten eigenen Wohnung. Ich bin gerade achtzehn geworden und direkt ausgezogen. Natürlich nicht, weil ich meine Eltern hasse oder so. Wir haben das Beste Verhältnis. Aber ich wollte endlich etwas eigenes haben. Ich hatte bei Dorothy gesehen, wie gut das Leben in den eigenen Händen war. Das wollte ich auch. Und mit achtzehn war der richtige Augenblick.

Peter kommt von hinten auf mich zu und umarmt mich. „Wie geht es meiner Prinzessin heute?“ Er nennt mich immer Prinzessin. „Gut.“ antworte ich knapp. Ich lächle ihn an. Peter wollte mit mir zusammen ziehen, aber unter einigen Streitereien habe ich mich davon lossagen können. Ich will mein eigenes Ding machen. Obwohl ich Peter wirklich liebe, muss ich nicht jetzt schon mit ihm zusammen wohnen.

Ich habe Peter mit sechzehn im Kino kennengelernt. Ich war mit meinen Freundinnen in einem Film und er arbeitete an der Kasse. Er war damals schon achtzehn, also zwei Jahre älter als ich. Er war süß, er gab mir gratis Popcorn und wollte sich bei mir ein schleimen. Obwohl ich damals sicher war, er würde auf meine Freundinnen stehen, weil sie alle so viel hübscher waren als ich. Er nannte mich damals schon Prinzessin und ich wurde den Spitznamen nie wieder los. Nach dem Film wartete er draußen auf mich und fragte nach meiner Nummer. Da mir sowas vorher noch nie passiert war, war ich nervös und neugierig. Ich dachte aber auch, er würde es nicht ernst meinen. Trotzdem ließ ich mich drauf ein.

Zwei Jahre später sind wir immer noch zusammen und er wollte schon mit mir zusammen ziehen. Er arbeitet nicht mehr im Kino sondern studiert schon eine Weile. Ich fange erst an. Ich habe wirklich großes vor mit meinem Leben. Eine Karriere als Architektin steht mir bevor. Zumindest ist das der Plan. Erstmal neun Jahre studieren. Oder so.

Jetzt

Wir laufen schon eine ganze Weile, als B plötzlich stehen bleibt und die Ohren aufstellt. Ich bleibe auch ruckartig stehen und lausche. Ein neuer Sturm? Mittlerweile können sich die Stürme von Minute zu Minute aufbrauen und loslegen. Das Wetter ist so anders geworden. Ich habe immer noch keine Ahnung, wie das ganze mit dem steigenden Meeresspiegel zusammen hängt. Aber das Wetter hat sich definitiv verändert. Nichts ist mehr, wie es früher war. Würde meine Oma jetzt sagen. Aber es stimmt. Die Winde sind stärker, die Regentropfen größer, die Blitze gewaltiger. Stürme halten auch gern mal Tagelang an ohne sich von der Stelle zu bewegen. Andere fegen innerhalb von Minuten über uns hinweg. Dann gibt es sehr sehr trockene Winde, die alles wieder wegfegen. Als wäre nichts gewesen. Wir ertrinken nicht, wir verdursten auch nicht. Immerhin. Der Regen bringt uns auch Regenwasser. Noch.

Ich höre leider nichts. Weder einen Sturm, noch etwas anderes. Aber B hat nunmal das bessere Gehör.
„Was hörst du?“ frage ich sie leise. Natürlich kann sie mir nicht antworten. Das wäre ja noch schöner. Jemanden zum Reden. B ist das einzige was mir blieb und sie ist die beste Gefährtin, die ich mir wünschen kann. Das war sie schon immer. Aber leider sind unsere Gespräche sehr einseitig.

B jault leise auf, schaut mich an und dann in die Richtung, woher das Geräusch kommt. Ich nicke ihr zu und folge ihren Schritten. Vielleicht hat B ein neues Dorf entdeckt, oder sogar Menschen. Irgendjemand muss ja die Geräusche machen. Sie fängt an zu rennen und ich folge ihr. Eine Weile rennen wir durch den Wald bis ich es auch höre: Männerstimmen.

Ich bleibe stehen und verstecke mich hinter einem Baum. Außerdem pfeiffe ich B zurück. Sie kommt zu meinen Füßen und versteckt sich ebenfalls hinter dem Baum. Zuerst beobachten, dann zu ihnen gehen, wenn keine Gefahr besteht.

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